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Den Wandel bewältigen: auf künftige Mobilitätsherausforderungen reagieren

Eduardo Minardi, Gründer von Minardi Global, gibt Ratschläge dazu, wie sich die Branche an die Vision einer zukünftigen Mobilität anpassen sollte, die sich sehr von der heutigen unterscheidet.

Erzählen Sie uns mehr über Ihren Vortrag.
Der erste Teil fasst zusammen, wie sich Megatrends in der Mobilität heute und in Zukunft auf die Reifenindustrie auswirken. Danach werde ich einen konzeptuellen Rahmen vorstellen, mit dem man an der Spitze des Wandels stehen und diese Herausforderungen erfolgreich bewältigen kann. Dazu zählt auch die wichtige Verwendung dynamischer Szenarien bei der Strategieentwicklung. Zudem gehe ich darauf ein, wie überzeugende Visionen, Kultur, Talente und Führungssysteme miteinander verbunden sind und neue strategische Fahrpläne und Transformationen unterstützen.

Was sind die wichtigsten Trends, die die Reifenindustrie der Zukunft prägen werden?
Eine der aktuellen Herausforderungen der Menschheit ist die Frage, wie man eine wachsende Bevölkerung, die sich zunehmend in Megastädten konzentriert, bewegen und bedienen kann. Bis jetzt hat sich die Anzahl der Fahrzeuge auf den Straßen in den letzten 60 Jahren etwa verzehnfacht. Dies hat zu Staus, Verschmutzung, ineffizienter Nutzung der Ressourcen – Fahrzeuge und Parkplätze – und zu negativen Auswirkungen auf unser Klima und unsere Lebensqualität geführt.

Die gute Nachricht ist, dass es für diese Herausforderung praktikable Lösungen gibt. Es gibt eine Kombination aus Technologien, Vorschriften und neuen sozialen Gewohnheiten, die das Geschäftsumfeld verändern. Mobilität wird nach und nach grüner, geteilt, multimodal, vernetzt und autonom. Wir sehen bereits heute, dass Fahrzeuge zu einer Art „Software auf Rädern“ werden.

Diese Veränderungen erfolgen zwar langsam, wirken sich aber auf die gesamte Wertschöpfungskette aus – von der Reifenentwicklung über Marketing und Vertrieb bis hin zu kundenorientierten Aftermarket-Dienstleistungen. Unabhängig von der Zukunft der Mobilität wird die Wertschöpfungskette auch durch digitale Technologien und den progressiven Einsatz künstlicher Intelligenz beeinflusst.

All das erfordert eine Veränderung der Geschäfts- und Betriebsmodelle der Reifenindustrie. Tatsächlich werden sich auch die Definition und die Geschäftsdomäne der Branche verändern – letztlich werden andere Akteure mit den Reifenfirmen konkurrieren und diese werden in neue Geschäftsgebiete vorstoßen (einige tun das bereits).

Die Unternehmen, die das neue Geschäftsökosystem nicht verstehen, anführen oder sich daran anpassen, werden eingehen oder als reine Rohstoffproduzenten hinter der Entwicklung zurückbleiben.

Würden Sie auch sagen, dass die Reifenindustrie grundsätzlich konservativ ist?
Die Reifenindustrie hat sich von Anfang an darauf konzentriert, bessere Reifen zu produzieren. Im Lauf der Zeit wurde sie zu einer kapitalintensiven Branche, die immer stärker von der Fertigung beeinflusst wird und sich nur langsam verändert. In den letzten Jahren haben wir jedoch einen bedeutenden und positiven Wandel bei der Reaktion auf Megatrends und Technologien erlebt.

Vor dem Hintergrund des bereits erwähnten neuen Ökosystems haben führende Reifenhersteller öffentlich Veränderungen von Vision, Fokus und Perspektive angekündigt. Einige investieren in neue Bereiche, die über die traditionelle Reifenherstellung hinausgehen, und testen oder nutzen neue Technologien, um sich neu zu positionieren, zu differenzieren und die künftige Unternehmensleistung zu verbessern. Da es sich um Großunternehmen handelt, wird der Richtungswechsel einige Zeit in Anspruch nehmen.

Parallel dazu leben Reifenhersteller noch immer von der Entwicklung, der Produktion und dem Verkauf von Reifen, wie wir sie heute kennen. Das ist das tägliche Brot dieser Branche. Die Einnahmen und Erträge der neuen Aktivitäten werden bei zunehmender Reife des neuen Ökosystems die aus dem traditionellen Reifenverkauf wahrscheinlich übertreffen. Wir könnten in diesem Jahrzehnt einen Wendepunkt erleben.

In der Zwischenzeit verbessern viele Akteure der Reifenbranche immer noch die Qualität und Leistung der Produkte. Aber sie scheinen die Richtung und das Tempo der Spitzenreiter nicht wahrzunehmen und auch nicht entsprechend zu investieren. Ich denke auch, dass es noch viele Fragezeichen bei der zukünftigen Rolle der einzelnen Reifenunternehmen gibt.

Für alle Akteure geht es darum, die Risiken zu bewältigen, während wir (Stichwort VUCA) in einem volatilen, unsicheren, komplexen und unklaren Umfeld leben und Geschäfte machen. Es ist jedoch nicht leicht, Prioritäten bei den erforderlichen Investitionen zu setzen, um die Positionierung und Leistung eines Unternehmens zu optimieren. Die Gewinner werden wahrscheinlich diejenigen sein, die ihre Kernkompetenzen am besten mit dem nötigen Know-how kombinieren können, um neuen (und latenten) Marktanforderungen innerhalb und außerhalb der Reifenindustrie gerecht zu werden und mit der gleichen Geschwindigkeit Veränderungen innerhalb ihrer eigenen Organisationen anzuführen. Abschließend möchte ich sagen, dass sich ein Teil der Branche schon weiterentwickelt, während die meisten Unternehmen noch immer im „traditionellen Modus“ weitermachen.

Wird eine neue Generation von außerhalb der Branche erforderlich sein, um den Wandel anzuführen?
Jedes Unternehmen hat ein anderes Profil und eine andere Geschichte und Kultur. Vor diesem Hintergrund zeigen Erfolgsfälle, dass ein neues Management eher in der Lage ist, den Wandel voranzutreiben. Führungskräfte können von innen oder außen kommen. In jedem Fall müssen sie eine überzeugende Vision entwickeln, das Know-how haben, um den Wandel anzuführen, und die Entschlossenheit, um die Agenda voranzutreiben.

Einige Unternehmen haben bereits Talente von außen eingestellt (von Vorstandsmitgliedern bis hin zu Führungskräften, Beratern und Fachleuten) und gleichzeitig interne Kompetenzen entwickelt. Idealerweise sollte man lernen, wie man das Innere und das Äußere zusammenführt und eine Diskussionskultur entwickelt, die den Status quo infrage stellt und Innovationen fördert.

Welche Ratschläge können Sie im Hinblick auf die Bewältigung des Wandels geben?
Bei Veränderungen geht es darum, externe und interne Spannungen erfolgreich zu bewältigen und auszugleichen. Externe Spannungen entstehen, wenn ein Unternehmen seine Geschäftstätigkeit an das dynamische Ökosystem der Branche anpassen muss. Interne Spannungen sind die Folge der unterschiedlichen Wahrnehmung und Geschwindigkeit sowie des unterschiedlichen Verständnisses dieser Realität seitens der verschiedenen Teile des Unternehmens.

Manchmal reagieren Führungskräfte schnell auf externe Herausforderungen, nehmen aber ihre Organisation nicht mit. An einem bestimmten Punkt werden das Unternehmen und die Führungskraft für die Folgen dieser Diskrepanz zahlen. Andere sind eher unwillig, Risiken einzugehen, oder wollen die innere Harmonie wahren und engagieren sich nicht genug, um auf die äußeren Herausforderungen zu reagieren. Die Folgen wären die gleichen.

Eine erfolgreiche Veränderung muss mehr Faktoren berücksichtigen als die bloße Definition eines neuen Geschäfts- und Betriebsmodells. Es ist auch entscheidend, eine überzeugende Zielsetzung zu formulieren und zu kommunizieren. Die Menschen müssen also verstehen, warum ein Wandel notwendig ist. Es muss eine Kultur modelliert werden, die der neuen Vision und Strategie Rechnung trägt, neue Talente müssen eingestellt und/oder entwickelt werden und es müssen Führungstechniken für den Wandel genutzt werden, um das Unternehmen entsprechend auszurichten. Jede diese Techniken ist ein entscheidendes Puzzleteil. Wenn nur ein Teil fehlt, ist der Erfolg gefährdet.

Die Rolle der Führungskräfte besteht darin, vielseitige Teams zu bilden und die notwendigen Diskussionen und Mechanismen zu fördern, damit der Entscheidungsfindungsprozess fundiert und inklusiv ist. Es gibt drei Wörter, die ich beim Ausrichten von Teams gern verwende: Kommunikation, Zusammenarbeit und (das Verstehen und Steuern der) Interdependenzen. Dies erfordert die Einrichtung des richtigen Führungssystems, damit das Unternehmen sich auf Entscheidungen zum Wohle aller zubewegt und mit abgestimmten Abläufen arbeitet.

Was ist ein guter Ausgangspunkt, wenn man Veränderungen in Betracht zieht?
Ein einfacher Ratschlag wäre, sich die folgenden Fragen zu stellen: Verstehen Ihre Führungskräfte und Teamkollegen die Risiken und Chancen, die die dynamischen Zukunftsszenarien für unsere Zukunft bedeuten? Haben Sie eine gemeinsame Zielsetzung, die über die geschäftlichen Ziele hinausgeht? Denken Sie daran, dass die Gesellschaft und der Einzelne (insbesondere die neuen Generationen) Unternehmen suchen, die sozialen Wert schaffen, anstatt nur geschäftliche Ziele zu verfolgen. Würde eine solche Vision auch Ihre Teamkollegen dazu anspornen, sich mehr anzustrengen? Verfügen Ihre Mitarbeiter über die notwendigen Fähigkeiten, um in der neuen Wettbewerbslandschaft zu bestehen? Wissen Sie, wie Sie die rationalen und emotionalen Auswirkungen, die der Wandel auf jedes Mitglied Ihres Teams haben wird, leiten können? Haben Sie Ihre Kultur in Bezug auf Ihre strategische Ausrichtung gemessen und abgebildet? Wissen Sie, welche Elemente Ihrer Kultur verstärkt und welche verändert werden müssen? Fördern oder behindern Ihre Kultur und der vorherrschende Führungsstil Veränderungen, Innovation und Leistung? Gehen Sie, die Führungskräfte, mit gutem Beispiel voran? Verfügen Sie über ein Führungssystem, das Leistung fördert? Richten Sie das Unternehmen auf gemeinsame Ziele aus? Durchbrechen Sie Isolationen, beschleunigen Sie den Wandel und treffen Sie Entscheidungen für das Allgemeinwohl?

Dies sind einige der Fragen, die ich während meiner Präsentation in Hannover zu beantworten versuche. Die Führungskräfte, die notwendige Fähigkeiten entwickeln, um den Wandel mit einem ganzheitlichen Ansatz anzuführen, und die wissen, wie man Schlüsselfaktoren wie z. B. die Unternehmensführung dazu einsetzt, werden mehr Gelegenheit haben, einen nachhaltigen Wandel zu schaffen und ihre Karriere wachsen zu sehen.

Den Vortrag von Eduardo Minardi sollten Sie nicht verpassen. Er ist Teil des Themenbereichs Reifentechnologie für die Fahrzeugrevolution am 1. Tag der Konferenz. Sehen Sie sich hier das gesamte Konferenzprogramm an.

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