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Chinas Reifenindustrie

Chinesische Reifenhersteller arbeiten an der Umstrukturierung und Verbesserung ihrer F&E und könnten den etablierten Marken damit bald schwer zu schaffen machen, sagt David Shaw, der CEO von Tire Industry Research und Experte für die chinesische Reifenbranche.

Was passiert gerade in Chinas Reifenindustrie?
Die chinesische Reifenindustrie durchlebt eine Revolution in Bezug auf Struktur, Investitionen und Überseemarketing. Das ist an sich nicht besonders ungewöhnlich, denn die Reifenbranche ist in Europa und Nordamerika zwar von Jahr zu Jahr ziemlich konstant, befindet sich in China aber ständig im Umbruch. In den letzten 18 Monaten sind diese Turbulenzen jedoch, getrieben durch eine Reihe unterschiedlicher Faktoren, besonders stark gewesen.

Die erste wichtige Änderung war die Erhebung von Zöllen auf den Export von TBR-Reifen aus China durch die USA, Europa, Indien und weitere Länder. Darauf hat es eine dreifache Reaktion gegeben. Erstens haben die größeren Unternehmen Werke in Thailand, Vietnam und anderswo aufgebaut – Linglong ist gerade dabei, ein großes Werk in Serbien zu bauen.
Zweitens wenden die chinesischen Reifenunternehmen im Nahen Osten sowie in Mittel- und Südamerika, Australien, Japan und anderen Ländern, die bisher keine ähnlichen Zölle erheben, jetzt eine viel aggressivere Marketingstrategie an. Und schließlich konzentrieren sich Reifenhersteller, die sich traditionell auf Exporte verlassen haben, nun mehr auf den heimischen Markt.

Wie verändert sich die heimische Industrie?
Der zweite Schlüsselfaktor für den Wandel in China ist die staatlich gelenkte Umstrukturierung der Angebotsseite der Wirtschaft. In ganz China durchlaufen vorgelagerte Branchen eine Umwandlung – die Chinesen selbst sagen, dass sie sich von der „Größe“ hin zur „Stärke“ bewegen. In den 1990er und 2000er Jahren sind bestimmte Branchen durch niedrige Personalkosten, staatliche Unterstützung und Niedrigtechnologie sehr groß geworden. Das galt für die gesamte Reifenbranche, einschließlich der vorgelagerten Branchen der Material- und Maschinenzulieferer.

Mit dem aktuellen 13. und dem anstehenden 14. Fünf-Jahres-Plan unter Präsident Xi eliminiert das Land systematisch die kleineren Niedrigtechnologieunternehmen, die während der Phase der schnellen Expansion gewachsen sind. Diese werden überwiegend von hochautomatisierten Werken ersetzt, die von größeren, anspruchsvolleren Unternehmen betrieben werden. Linglong, Prinx Chengshan, Aeolus, Zhongce, Double Star, Double Coin und noch einige andere werden wahrscheinlich die großen Gewinner dieser Umstrukturierung sein.

Diese Unternehmen werben Reifeningenieure von den größeren Unternehmen an und kaufen Beratungsdienste ein, damit sie Reifen herstellen können, die mit den Ober- und Mittelklassemarken weltweit effektiv konkurrieren können.

Wie wird sich das auf die internationale Reifenindustrie auswirken?
Bisher haben Reifenunternehmen mit Sitz in China den Reifenherstellern der Oberklasse nur durch ihre aggressive Preisgebung Schwierigkeiten gemacht. Ich glaube, wir treten jetzt in eine Phase ein, in der die Qualität der besten chinesischen Reifenhersteller immer noch unter der der Premiummarken liegt, der Unterschied aber nur noch schwer festzustellen ist.

Mit dieser Qualitätssteigerung geht auch eine Erhöhung der Kosten einher, da die chinesischen Reifenhersteller jetzt in mehr Ländern agieren und ihr Budget für Marketing und F&E vergrößern. Die Preise werden aber konkurrenzfähig bleiben.

Im Ergebnis werden die in China ansässigen Reifenhersteller ein wirklich attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis bieten – und zwar in allen Bereichen, von Pkws und Lkws bis hin zu Bergbau und Landwirtschaft. Dieser Wettbewerb ist einer der Faktoren, die die bestehenden Premium-Reifenhersteller dazu bringen, ihr Geschäftsmodell zu verändern. Statt nur Reifen zu verkaufen, werden sie zunehmend zu Mobilitätsexperten und agieren in Geschäftsfeldern, die keinen direkten Bezug zu Reifen haben.

Wir sehen bereits heute, dass Aeolus, Giti und weitere Reifenhersteller, deren Wurzeln in China liegen, diese Strategie kopieren. Sie bewegen sich hin zu intelligenten Reifengeschäftsmodellen und wollen Fahrzeugflotten Dienstleistungen und Mehrwert anbieten.

Das Wachstum der Märkte in China und Indien wird zu einem stärkeren Kampf um Marktanteile führen. Die etablierten Premiummarken glauben offenbar immer noch, dass ihre – in den Kulturen der USA und Europas weiterentwickelten – bestehenden Geschäftsmodelle sich auf asiatische Kunden übertragen lassen. Inzwischen lernen die in asiatischen Kulturen verwurzelten Reifenhersteller, wie sie die Geschäftsmodelle der Oberklasse-Reifenhersteller anpassen müssen, um die steigenden Erwartungen ihrer Bestandskunden zu erfüllen. Kurz gesagt: Im nächsten Jahrzehnt wird es hier eine sehr spannende Entwicklung geben.

Die beiden Präsentationen von Herrn Shaw sind Teil des Themenbereichs Geschäftsstrategie an Tag 1 und Tag 3. Sehen Sie sich hier das gesamte Konferenzprogramm an.

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